Dark Romance
DIEresidenz, Berlin (G), 2026
Dark Romance
Émilie Delugeau inszeniert ihre Motive, wenn Menschen involviert sind. Ansonsten arbeitet sie intuitiv und reagiert mit ihrer Kamera auf ihre unmittelbare Umgebung. Sie bezeichnet Fotografie als ein 'Werkzeug der Begegnung mit der inneren und äußeren Welt' – welche jede für sich von unterschiedlichen Tönen und Stimmungen geprägt sein können.
So besteht auch ihre Ausstellung bei DIEresidenz Berlin aus zwei Teilen, jeweils in Resonnaz mit den zwei unterschiedlichen Räumen, ihrem Licht, ihren Stimmungen. Im ersten Raum zeigt die französische Künstlerin eine Auswahl von Arbeiten, die ihre regelmäßigen Kollaborationen mit Modedesignern bezeugen, insbesondere mit Julie Bourgeois (Tata Christiane), aber auch mit Bernd Mühlmann aus Osttirol, der das Kostüm für die 'Kapuzinerkresse-Seerosenfrau' allein für die Fotografie geschaffen hat. Die bizarren, unter anderem von Diane Arbus inspirierten Arbeiten zeigen zwar Personen – es sind jedoch keine Gesichter zu erkennen und auch die Körper scheinen mal mit der Natur, mal mit dem Raum in Symbiose zu gehen, wodurch die Werke eine surreale Note erhalten.
Surreal erscheint auch das Kostüm von Lulu Rafano von der Band Bonaparte, den Delugeau schon häufig in seinen extravaganten Kostümen fotografiert hat. Das Kostüm ist in der Ausstellung ein Stellvertreter für den Musiker, der in einer performativen Intervention die BesucherInnen empfangen und Platten auflegen wollte.(1) Der Esprit des monströsen Algenmonsters und seines Interpreten ist über das körperhafte Wandobjekt gleichsam zu erahnen.
Der Titel Dark Romance gibt die Tonalität des Ausstellungteils im oberen Raum von DIEresidenz Berlin vor, für die die Künstlerin ihre stets quadratische Arbeiten erstmals im Vinyl-Cover-Format drucken lassen hat.(2) Dark Romance lässt an Caspar David Friedrich oder Francisco de Goya und dessen Schwarze Gemälde denken. Auch die von Émilie Delugeau aus ihrem Archiv ausgewählten Arbeiten sind selbstredend in dunklen, herbstlichen Tönen gehalten, wobei es nur eine Nachtaufnahme gibt. Insgesamt herrscht ein Licht 'entre chien et loup', wie die Franzosen sagen, ein Dämmerlicht, indem man den Hund nicht vom Wolf unterscheiden kann. Und schon sind wir bei Grimms Märchen, ETA Hoffmann oder auch dem neuen Begriff der Dark Romance, einem Genre der Liebesliteratur für junge Frauen, in dem Misshandlungen und toxische Beziehungen alltäglich sind…
Beunruhigend erscheinen mir die 'Naturbilder' von Émilie Delugeau jedoch nicht, vielmehr sensibel und still, oft melancholisch und manchmal humorvoll, wenn etwa ein Strauß getrockneter Rosen auf das weiß-glänzende Ladegerät eines iPhones trifft. Die meist menschenleeren Szenerien scheinen die Frage nach unserer Verortung in der heutigen Welt zu stellen und geben keine Antwort.
Das Zusammenstellen einer Serie aus dem Archiv ist eine Art des Arbeitens, die weder an eine bestimmte Zeit noch einen bestimmten Ort gebunden ist – was insbesondere bei einer Residenz üblich wäre. So sind diesen Mai in Friedenau keine neuen Arbeiten entstanden, und dennoch eine neue Serie, welche der Raum, seine Umgebung, sein Kontext und seine Stimmung beeinflusst hat. Das weder zeit- noch ortshomogene Kreieren aus dem Archiv ist nicht neu bei Émilie Delugeau. Diese Art zu arbeiten entspricht vielmehr ihrer Vorliebe zu entschleunigen, einen zeitlichen, gedanklichen, emotionalen Abstand zu ihrer Arbeit zu haben, um sie besser oder neu sehen zu können. Und dies ist per se jeder Fotografie inhärent: der Zeitraum zwischen Sehen und Betrachten.
Conny Becker, Kuratorin
Émilie Delugeau stages her subjects when people are involved. Otherwise, she works intuitively, using her camera to respond to her immediate surroundings. She describes photography as a ‘tool for engaging with the inner and outer worlds’ – each of which can be characterised by different tones and moods.
Her exhibition at DIEresidenz Berlin is thus divided into two parts, each set in Resonnaz with its two distinct rooms, their light and their atmospheres. In the first room, the French artist presents a selection of works that bear witness to her regular collaborations with fashion designers, in particular with Julie Bourgeois (Tata Christiane), but also with Bernd Mühlmann from East Tyrol, who created the costume for the ‘Nasturtium-Water Lily Woman’ exclusively for the photograph. Although the bizarre works – inspired, amongst others, by Diane Arbus – depict people, no faces are recognisable, and the bodies seem at times to be in symbiosis with nature, at other times with the space itself, lending the works a surreal quality.
The costume worn by Lulu Rafano of the band Bonaparte – whom Delugeau has frequently photographed in his extravagant costumes – also appears surreal. In the exhibition, the costume stands in for the musician, who had intended to welcome visitors and play records as part of a performative intervention.(1) The spirit of the monstrous seaweed monster and its performer can, as it were, be sensed through the three-dimensional wall installation.
The title "Dark Romance" sets the tone for this section of the exhibition in the upper room of DIEresidenz Berlin, for which the artist has, for the first time, had her consistently square works printed in vinyl cover format.(2) Dark Romance brings to mind Caspar David Friedrich or Francisco de Goya and his Black Paintings. The works selected by Émilie Delugeau from her archive are, of course, also rendered in dark, autumnal tones, although there is only one night-time photograph. Overall, the light is ‘entre chien et loup’, as the French say – a twilight in which one cannot distinguish the dog from the wolf. And so we find ourselves in the realm of Grimm’s fairy tales, E.T.A. Hoffmann, or even the new concept of ‘Dark Romance’, a genre of romance fiction for young women in which abuse and toxic relationships are commonplace…
However, I do not find Émilie Delugeau’s ‘nature images’ unsettling; rather, they are sensitive and tranquil, often melancholic and sometimes humorous – such as when a bouquet of dried roses meets the gleaming white charger of an iPhone. The mostly deserted scenes seem to pose the question of where we fit into today’s world, yet offer no answer.
Compiling a series from the archive is a way of working that is not tied to any particular time or place – something that would typically be the case during an artist’s residency. Thus, whilst no new works were created in Friedenau this May, a new series did emerge, one that has been influenced by the space, its surroundings, its context and its atmosphere. Creating from the archive in a way that is neither time- nor place-bound is nothing new for Émilie Delugeau. Rather, this way of working reflects her preference for slowing down, for maintaining a temporal, mental and emotional distance from her work in order to see it more clearly or in a new light. And this is, in itself, inherent in all photography: the interval between seeing and looking.
Conny Becker, Curator
1 Lulu Rafano musste aus familiären Gründen am Vortag der Vernissage nach Frankreich zurückkehren. Lulu Rafano had to return to France the day before the exhibition opening for family reasons.
2 Émilie Delugeau hat für die Band Malinamalina bereits ein Plattencover gestaltet, was sicherlich auch ein Impuls für das neue Format darstellt. Émilie Delugeau has already designed an album cover for the band MalinaMalina, which has certainly provided the inspiration for the new format.